Küstenklima -
Stürme, Seegang und Sturmfluten

Hans von Storch, Heike Langenberg (1)
und Thomas Pohlmann (2)

(1) Institut für Gewässerphysik, GKSS Forschungszentrum, Geesthacht
(2) Institut für Meereskunde, Universität Hamburg





"Sozio-ökonomisch" relevante Elemente des Küstenklimas sind die Stürme und ihre Begleiter: Seegang und Sturmhochwasser. Für die Menschen an der Küste sind dies gewohnte Begleiter, aber seit "Global Warming" als bedrohliches Konzept zum alltäglichen Sprachgebrauch zählt, wird jedes Wetterextrem zumindest spekulativ in Verbindung zu Global Warming gebracht. Die Medien sprechen dann vom "Wetter, das verrückt spielt". Aber spielt nicht Wetter immer "verrückt"? Wetterextreme sind "extrem" aber dennoch "normal". Ihr Eintreten sollte nicht beunruhigen, aber ihr Ausbleiben sollte es. Warum wurde nicht über den sturmarmen Winter 1995/96 geschrieben als "Ausdruck vom Global Warming"?

Regelmässig verkünden die Medien, unterstützt von echten und selbsternannten Experten, dass die Statistik der Extreme nicht mehr normal sei; vielmehr gäbe es in den letzten Jahrzehnten immer stärkere und verheerendere Stürme, Wellen und Sturmfluten. Versicherungen, für deren Geschäfte der Eindruck vergrösserter Risiken sicher nicht nachteilig ist, engagieren sich entsprechend in der öffentlichen Debatte. Organisationen wie Greenpeace veröffentlichen Listen mit Naturkatastrophen aufgrund extremer Witterungsbedingungen und weisen diese als Beleg für die Realität der hausgemachten "Klimakatastrophe" aus.

Im folgenden Beitrag geht es nicht darum, das Konzept des Global Warming zu problematisieren; tatsächlich ist einer der Autoren dieses Aufsatzes Mitverfasser eines der ersten Nachweise der Realität von Global Warming (Hegerl et al., 1996). Vielmehr geht es um die Problematisierung des behaupteten Automatismus, wonach Global Warming notwendigerweise eine Intensivierung des (extratropischen) Sturmgeschehens (und damit von Seegang und Sturmfluten) nach sich ziehen würde. Dazu werden zwei Fragen behandelt, die in diesem Zusammenhang die Öffentlichkeit (und damit auch Verwaltung und Politik) interessieren:

In dem WASA Projekt der EU und Sturmflut-Projekt des BMBF wurden diesen beiden Fragens systematisch nachgegangen. Im Folgenden werde Ergebnisse dieser Projekte zusammengefasst.





Sturmklima seit 1900

Man sollte glauben, dass es verhältnismässig einfach sein sollte festzustellen, ob sich die Statistik von Wind und Stürmen in den letzten Jahren systematisch verändert hat und in historischer Zeit nie erreichte Intensitäten erreicht haben. Seit Ende des lezten Jahrhunderts werden täglich Wettermeldungen analysiert und Wetterkarten gezeichnet. Wind wird seit vielen Jahrzehnten von Schiffsbeobachtern nach der Beaufort Skala geschätzt und durch Windmessgeräte bestimmt. Aus Windzeitreihen sollte einfach erkennbar sein, ob es in letzer Zeit Stürme in nie zuvor gewesener Intensität und/oder Häufigkeit auftreten. Durch Auszählen der Anzahl von Stürmen in den Wetterkarten sollte es sich ermitteln lassen, ob es häufiger und/oder schwere Stürme gibt.

Leider ist es so einfach nicht. Zeitreihen mit Windbeobachtungen sind in der Regel nicht homogen über lange Zeiten, d.h. die Beobachtungswerte sind im Laufe der Zeit in verschiedenem Masse verfälscht durch diverse nicht-physikalische Vorgänge, wie etwa durch Veränderungen am Gerät selbst, Veränderungen in der Umgebung des Geräts (Bebauung, Grösse der Schiffe) oder Regeln der Beobachtungsvorganges (Uhrzeit). Die folgende Abbildung zeigt die Häufigkeit von Berichten über Windstärken von mehr als 7 Beaufort in Hamburg um 14:00, summiert über jeweils eine Dekade. Offensichtlich werden seit der Dekade 1951-60 sehr viel weniger Starkwindfälle gemeldet als vorher. Daraus zu schliessen, dass es in Hamburg weniger windig sei, ist falsch - der Sprung in der Statistik ist darauf zurück zu führen, dass das Messgerät vom Seewetteramt in St. Pauli zum Flugplatz in Fuhlsbüttel verlegt wurde. Solch deutliche Inhomogenitäten sind selten, aber fast alle Windzeitreihen haben schwächer, und oft für Laien nicht unmittelbar erkennbare Inhomogenitätsprobleme.


Number of days per year with a wind report (at 14:00) of more than 7 Beaufort in Hamburg

Auch die Anlyse der Wetterkarten birgt ihre Tücken, die allerdings zumindest für den Laien und auch für manche Meteorologen keinesfalls offensichtlich sind: Solche Wetterkarten werden gezeichnet auf der Basis verschiedener Informationen mit verschiedenen Methoden. Wichtigster "input " sind natürlich die Meldungen meteorologischer Stationen und Radiosondenaufstiege überall auf der Welt - diese können durch die schon eben genannten Inhomogeneitäten im Laufe der Zeit sich ändernde systematische Fehler zeigen. Heutzutage gehen neben diesen klassischen Wettermeldungen auch Satellitenbeobachtungen ein, die die räumliche Auflösung entscheidend gegenüber der "Vor-Satelliten"-Situation verbessern. Um die Stärke eines Sturms über dem zentralen Nordatlantik korrekt zu analysieren, bedurfte es eines Schiffes, das zufälligerweise in der Nähe des Sturmtiefs fuhr; heute kann der Ort und damit auch näherungsweise der Kerndruck eines Tiefs aus den Satellitendaten deutlich besser abgeleitet werden. Diese "neue" Information lässt "tiefere Tiefs" auf den Wetterkarten erscheinen, was durchaus nicht einen Trend hin zu tatsächlich intensiveren Sturmtiefs impliziert. Diese Eingangsinformationen (in-situ Mesungen und Fernerkundungsdaten) werden in einem Datenanalyse Verfahren schliesslich in eine flächendeckende Karte (die Wetterkarte(n)) transformiert. In früheren Zeiten war dies Verfahren manueller Art, d.h. der diensthabende Meteorologe zeichnete subjektiv eine Karte, in die das persönliche Verständnisse und Erfahrung einging. Später wurde diese Aufgabe dann dem Computer überlassen, der entweder mit geostatistischen Methoden (optimale Interpolation) oder Datenassimilationstechniken (d.h. mit einem Abgleich der verschiedenen Wettermeldungen über ein dynamisches Wettermodell) ein Momentaufnahme des Wetterzustandes konstruiert. Diese Wetteranalysen werden objektiv genannt. Es ist anzunehmen, dass der übergang von den manuellen zu den objektiven Methoden zu einer weiteren Detailgenauigkeit der Wetterkarten geführt hat - also zu einer weiteren scheinbaren Intensivierung von Sturmtiefs.

Wegen dieses Inhomogenitätsproblems ist es kaum möglich, aus lokalen Windbeobachtungen oder aus Wetterkarten Schlüsse über ein sich verschlechterndes Sturmklima zu ziehen; vielmehr muss man sich auf andere Indikatoren des Sturmklima verlassen. Dazu eignen sich inbesondere zwei Grössen, nämlich Luftdruckmessungen und Wasserstandstatistiken.

Beide Ansätze ergaben für den Raum Nordeuropas keine systematischen Veränderungen des Sturmklimas in den letzten 100 Jahren. Zwar deutet sich eine Intensivierung des Sturmklimas in den letzten drei Jahrzehnten an. Diese erscheinen aber nicht ungewöhnlichim Vergleich zu den Schwankungen der Statistiken in den früheren Jahrzehnten (siehe unten).

Im WASA Projekt wurden Zeitreihen von zahlreichen Stationen in Nordeuropa zusammengestellt und auf ihre Homogenität geprüft. Für eine grosse Anzahl von Dreiecken wurden die Perzentilreihen der geostrophischen Windgeschwindigkeiten berechnet (Alexandersson et al., 1997). Normierte Darstellungen für die Dreiecke im Bereich der Nordsee und de Norwegischen See zeigt die folgende Abbildung ("normiert" bedeutet, dass für jedes Dreieck das langjährige Mittel und die Standardabweichung der jeweiligen Perzentilreihe berechnet wird, und der Mittelwert abgezogen wird und durchdie Standardabweichung geteilt wird.) Die Kreuze bezeichnen die 95%-tile und die Karos 99%-tile. Die durchgezogene Linien sind Ausgleichskurven.



Die gleiche Darstellung für Dreiecke im Bereich der Ostsee:

Die Perzentilreihen schwanken auf Zeitskalen von mehreren Jahrzehnten; von einem anfänglich hohem Niveau sinken die Werte langsam auf ein Minimum in den 1960er Jahren um dann recht schneller wieder anzusteigen zu Werten vergleichbar denen zu Anfang des Jahrunderts.

In dem BMBF Projekt wurden Pegel im Bereich der südlichen und östlichen Nordseeküste untersucht. Im Folgenden sind beispielhaft Zeitserien von Jahresmittelwerten und jährlichen 50%, 80%, 90% und 97% Quantilen (nach Abzug des Trends im Jahresmittelwert) an den Pegeln Esbjerg (DK) und Smogen (S) dargestellt.



In Esbjerg stieg der mittlere Wasserstand um etwa 0.3m im letzten Jahrundert, in schwedischen Smogen sank der Wasserstand im gleichen Zeitraum um 0.2m. Die darüberliegenden sturmbedingten Perzentilreihen zeigten deutliche Schwankungen von Jahr zu Jahr. Ein erneuter Anstieg fand in den letzten 10 bis 20 Jahren statt, der im Lichte der früheren Schwankungen aber wenig dramatisch erscheint.

Heikes /Flather's Simulationen





Seegangsklima

Seegang ist ein wesentliches Element des Küstenklimas. Seegang ist ein wichtiger Faktor für die Veränderung der Kuüstenmorphologie, für die Deichsicherheit, für die Seeschiffahrt und für die Sicherheit und den Betrieb von off-shore Konstruktionen. Da Seegang nicht im Detail beschrieben werden kann, wird ein statistische Darstellung gewählt.

Ein praktischer Zugang ist sich vorzustellen, das Wellenfeld bestünde aus einem Wellenzug, sodass nur zwei Parameter für die Beschreibung des Wellenfeldes erforderlich sind, nämlich die Wellenperiode und Wellenamplitude. So heisst es in dem Buch "Wetterkunde für den Wassersport" von Mylius aus dem Jahre 1926: "Ein richtiges Mass für die Höhe bekommt man, wenn man sich auf dem Schiff so hoch begibt, dass man die Kämme mehrerer hintereinander liegender Wellen in gleicher Höhe hat, und die Höhe des Auges über der Wasseroberfläche im Wellental ermittelt." In der Praxis interessieren jedoch hauptsächlich, wie hoch die hohen Wellen sind, die sich aus der überlagerung verschiedener Wellenzüge mit verschiedenen Laufrichtungen und Perioden ergeben. Dafür ist eine definierte Masszahl, die signifikante Wellenhöhe, eingeführt worden. Die signifikante Wellenhöhe wird als das Mittel über das obere Drittel, der nach der Grösse sortierten Wellenhöhen, bestimmt. Auf Schiffen wird diese Grösse oftmals rein visuell bestimmt.

Eine vollständige Beschreibung der Wellenverteilung liefert dagegen das Seegangspektrum. Das Spektrum gibt an, welche Amplituden, bzw. Energiedichten, mit welchen Laufrichtungen und mit welchen Perioden vorkommen. Solch ein Spektrum hat unter anderem den Vorteil, dass direkt zwischen den Seegangsanteilen von Windsee und Dünung unterschieden werden kann. Windsee sind die Wellen, die unter der Einwirkung des lokalen Windes erzeugt werden. Dünung ist auch winderzeugt, steht aber nicht mehr unter dem Einfluss des Windes. Einmal erzeugt wandert die Dünung nahezu ungedämpft bis zu tausenden von Kilometern bis sie an eine Küste trifft und dort die Wellen brechen.

Die Beantwortung der Frage, ob sich das Seegangsklima in den letzten Jahrzehnten verschlechtert hat, wird durch ähnliche Inhomogenitätsprobleme behindert wie im Falle des Windes. Ursprünglich wurde Seegangshöhe durch visuelle Schätzungen von Handelsschiffen bzw. Wetterschiffen und Leuchttürmen vorgenommen. Die Meldungen der geschätzten Wellenhöhen könen beinflusst sein durch sich verändernden Schiffrouten (z.B. durch geringere Rücksicht auf Stürme), Schiffsgrössen und -geschwindigkeiten, oder durch den Wechsel des Personals auf Leuchttürmen und Wetterschiffen. Seit Mitte der sechziger Jahre sind in zunehmenden Masse auch Instrumente zur Messung der Wellenhöhen im Einsatz, etwa Wave Rider Bojen oder Geräte, die aus der Schiffsbewegung auf das Wellenspektrum schliessen. Die von diesen ship borne wave recorders gemessenen Daten sind auf eine auf den ersten Blick überraschene Weise inhomogen: Im Laufe der Zeit registrierten sie einen immer breiter werdenen Wellenfrequenzbereich - insofern wuchs das Integral uber das Spektrum an, und damit die signifikante Wellenhöhe (siehe WASA, 1994).

Neben den "Punktmessungen" gibt es auch im Hinblick auf dei Seegangssituation Analysen von der räumlichen Verteilung von Wellenverhältnissen. Der niederländische Wetterdienst KNMI hat über drei Jahrzehnte routinemässig tägliche Karten der Wellenhöhen im Nordatlatlantik anfertigen lassen zum Zwecke der Beratung von Schiffsrouten (Bouws et al., 1997). Diese Karten basieren auf Windanalysen und lokalen Meldungen und leiden daher indirekt unter der oben diskutierten Inhomogenitätsproblematik der Windanalysen und lokalen Beobachtungen.

Die Auswertung dieser Daten ergibt einen stetigen Anstieg der Wellenhöhen im Nordatlantik. Die lokalen Wellenmeldungen deuten an, dass die mittleren Wellenhöhen seit den 1960er Jahren in der Grössenordnung von 3 m (??) angestiegen sind (Hogben, 1994). Die Auswertung der Wellenkarten weist auf einen Anstieg von XX im Mittel und YY in den 90%-tilen der jährlichen Wellenhöhenverteilung hin (Bouws et al., 1997).

Eine alternative Methode zur Beurteilung, inwieweit das Wellenklima in den letzten Jahrzehnten einer systematischen Veränderung unterworfen war, besteht darin, ein dynamisches Wellenmodell über mehrere Jahrzehnte zu simulieren und dabei analysierte Windbedingungen als Antreib einzusetzen. Diese Windbedingungen werden dazu aus Wetterkarten abgeleitet, die, wie oben erklärt, unter ihren eigenen Inhomogenitäten leiden. Es scheint aber, dass dies Problem gering(er) ist, sofern man sich auf die letzten wenigen Jahrzehnte und den Bereich des Nordostatlantikund die Nordsee beschräkt (siehe WASA, 1995). Da aber die Wirkung der vermutlich nur geringeren künstlichen Vertärkung des Sturmklimas nicht quantifizierbar ist, sollte man sich klar machen, dass jede auf solche Weise abgeleitete Verschlechterung des Wellenklimas auch in dem eingeschräkten Seegangbiet nur eine obere Schranke darstellt.

Im WASA-Projekt wurde mit dem Wellenmodell WAM (Komen et al., 1994) und den Luftdruckanalysen des norwegischen Wetterdienstes von 1955-94 eine solche Rekonstruktion versucht (Günther et al., 1997). Diese Rechnung reproduziert in guter Weise beobachtete homogene Reihen, die für das letzte Jahrzehnt an einigen Orten von Bojen und Plattformen verfügbar sind. Die folgende Abbildung zeigt den Trend in den jährlichen 90%-tilen von den simulierten signifkanten Wellenh&öhen. Dieser Trend beträgt etwa 1 cm/Jahr in der Nordsee, oder 40 cm von 1955 bis 1994. Ein Maximum von bis zu 2 cm/Jahr, oder 80 cm von 1955 bis 1994, wird im Nordwesten Schottlands simuliert.(Die Werte am Rande des dargestellten Gebietes sind vermutlich Artifakte aufgrund von Inhomogenitäten im Windantrieb und in den Randbedingungen.)


von Günther et al., 1997; Trend in cm/Jahr







Szenarien für die Zukunft

In den letzten Jahrzehnten ist die Konzentration von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen in der Atmosphäre stetig angestiegen. Dieser Antieg ist auf anthropogenen Emissionen aurückzuführen. Es wird erwartet, dass dieser Anstieg sich in den nächsten Jahrzehnten noch beschleunigen wird. Die von Arrehnius 1896 erstmals in vollständiger Form vorgetragene Theorie des Einflusses von strahlungsaktiven Gasen in der Atmosphäre auf die Temperatur der bodennahen Luftschichten wird heute allgemein akzeptiert, und begründet die Sorge, dass die anthropogene Erhöhung der Konzentrationen dieser Gase in der Atmosphäre zu einer Klimaveränderung führen könne. Tatsächlich gibt es Hinweise, dass diese Veränderungen schon jetzt vonstatten gehen (z.B. Hegerl et al., 1996). Weder aus der Theorie noch aus dem bisherigen diagnostischen Befund (siehe oben) lassen sich robuste Aussagen über mögliche Veränderungen des Sturmklimas und damit der Statistik von Sturmfluten und Seegangsbedingungen ableiten.

Seit einigen Jahren gibt es realitätsnahe Klimamodelle, in denen dynamische Modelle von Atmosphäre, Ozean und anderen Klimakomponenten mit einander interagieren, und auf diese Weise nicht nur denm jetzigen mittleren Klimazustand sondern auch dessen Variabilität und Sensitivität gegnüber Veränderungen etwa der solaren Einstrahlung, der Treibhausgazkonzentration oder dem Vorhandensein von vulkanischem und anthropogenem Aerosol näherungsweise zu beschreiben. (Die z.T. öffentlich geführte wissenschaftliche Diskussion über den Reifegrad der Klimamodelle dreht sich gerade um die Frage, wie gut diese Näherungen sind.)

Diese Modelle sind eingesetzt worden, um die erwartete Reaktion des Systems "Klima" auf sich stetig erhöhende Konzentrationen von Treibhausgasen zu beschreiben (z.B. Manabe et al., 1991, Cubasch et al., 1992). Solche Modelle werden mit relativ grober Auflösung, mit einer nominellen Gitterauflösung von grössenordnungsmässig 500 km, gerechnet, da nur solche Konfigurationen gestatten, das System Atmosphäre-Ozean in einer rechentechnisch akzeptablen Zeit in ein dynamisches Gleichgewicht zu führen (das System Atmosphäre-Ozean braucht mehrere tausend Jahre, um so ein dynamisches Gleichgewicht zu erreichen). In so einer groben Auflösung werden die Sturmbahnen nicht zufriedenstellend simuliert, so dass die Wirkung von erhöhten Treibhausgaskonzentrationen auf die Sturmtätigkeit, und damit auf Sturmfluten und Seegang, nicht untersucht werden kann.

Um aber trotzdem räumliche Detailvorgänge (wie Stürme) untersuchen zu können, wird die Methode der "time slice Experimente" eingesetzt (Cubasch et al., 1995). Hierbei wird auf die gross-skaligen Ergebnisse einer konventionellen Simulation mit einer grob auslösenden Klimamodell vertraut - insbesondere auf Veränderungen der Temperatur der Ozeanoberfläche und der Verteilung des Meereises. Die Veränderungen in der Ozeantemperatur und der Meereisverteilung etwa zum Zeitpunkt verdoppelter Kohlendioxidkonentration werden zusammen mitder erhöhten atmosphärischen Konzentration der Treibhausgase in ein hochauflösendes Modell der Atmosphäre eingegeben. (Dieses Modell braucht nicht im dynamischen Gleichgewicht mit einem Ozeanmodell sein; die Atmosphäre stellt sich sehr schnell auf vorgegebene ozeanische Bedingungen ein, so dass eine hohe Auflösung wegen der nur noch kürzeren Simulationszeit (von wenigen Jahren bzw. Jahrzehnten) rechentechnisch möglich wird.)

Am Deutschen Klimarechenzentrum und am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg wurden solche time slice Experimente für den Zeithorizont "2 x CO2" mit verschiedenen Auflösungen durchgeführt: über drei Jahrzehnte mit dem "T42"-Modell (mit einer nominellen Auflösung von ca, 300 km; Cubasch et al., 1995) und über 6 Jahre mit einer "T106"-Auflösung (ca. 100 km; Bengtsson et al., 1995, 1996). Die änderung der Sturmtätigkeit zum erwarteten Zeitpunkt verdoppelten CO2-Konzentration in der Mitte des kommenden Jahrhunderts, dargestellt anhand des 90%-tiles der Windstärke im Winter im T106 time slice Experiment, ist eher gering (siehe Abbildung; von Beersma et al., 1997).

von Beersma et al., 1997; änderung in m/s


Im zentralen Bereich des Nordatlantik nimmt die Stärke der Winde ab (um bis zu 1.50 m/s), im Bereich der Nordsee ist ein sehr mässiger Anstieg und in der Biscaya ein deutlicherer Anstieg festzustellen in der Simulation (bis 0.50 m/s bzw.1.50 m/s). Allerdings verbleiben diese Veränderungen im Rahmen der natürlichen Schwankungen des atmosphärischen Zustandes, d.h. wenn man zwei beliebige 6-Jahres Intervalle ohne Klimawandel betrachtet, hat man aufgrund der statistischen Variationen mit ähnlichen Windschwankungen zu rechnen. Es sind längere Simulationen erforderlich, um die statistische Signifikanz der änderungen festzustellen. Nichtsdestotrotz sind diese Zahlen wertvoll, geben sie doch eine Grössenordnung der möglicherweise zu erwartenden Klimaänderungen an.

Die Ergebnisse der time slice Experimente können mit anderen Modellen weiter analysiert werden im Hinblick auf Konsequenzen für Sturmfluten und Seegang. So wurde etwa das schon oben erwähnte Wellenmodell WAM mit der Folge der im T106 Modell simulierten Wettersituation angetrieben und die sich dabei ergebenden Wellenhöhen untersucht (siehe 90%-tile der signifkanten Wellenhöhe in der Abbildung, von Rider et al., 1996):

von Rider et al., 1996; änderung in m



Demnach verringern sich die Wellenhöhen fast überall im Atlantik (bis -0.5 m) mit Ausnahme der Biscaya; auch in der Nordsee werden höhere Wellen simuliert (bis +0.5 m).

Auch mit dem schon oben erwähnten Ströngsmodell der Nordsee wurde die Wirkung des T106-Wetters auf Sturmfluten längs den Nordseeküsten berechnet. .. Heike, your turn.

Neben den dynamischen Modellen von Seegang und Nordsee wurden auch statistische Modelle, die gross-skalige Strukturen in den Kliamodellen mit Sturmflut- und Seegangsstatistiken verbinden, zur Abschätzung der Wirkung von Klimaänderungen eingesetzt (zur Methodik siehe von Storch und Reichardt, 1997). Das T106 Szenario impliziert demnach Erhöhungen der Sturmhochwasser um wenige Dezimeter (die auf vermutlich aufgrund der thermischen Ausdehnung des Meerwassers erhöhten mittleren Wasserständen vonstatten gehen; siehe Mikolajewicz et al., 1990). Die folgende Abbildung listet die erwarteten sturmbedingten änderungen an einer Reihe von Pegeln längs der südlichen und östliche Nordseeküste für verschiedene Perzentile auf:



Für den Pegel Cuxhaven wurde auch untersucht, wie sich das 30-jährige T42 Szenario auswirken würde; auch wurde abweichend vom Standardfall die Sturmflutstatistik nicht nur für die Monate Dezember bis Februar untersucht sondern auch für die Zeit November bis März. Der Übersichtlichkeit wurde für die verschiedene Fälle eine Gauss'sche Verteilung angepasst; diese Verteilungen zeigt die folgende Abbildung.



Offenbar unterschieden sich die verschiedenen Senarien geringsfügig. Das T106 Szenario liefert etwas grössere Werte, während das T42 praktisch unveränderte Sturmflutstatistiken generiert.





Epilog

Die einfache Frage, ob die schweren Stürme in den vergangenen Jahren uns zu Zeugen des anthropogenen Klimawandels machen, ist nicht einfach zu beantworten. Von der theoretischen Seite betrachtet, scheint es keinen Automatismus "Global Warming -> mehr/heftigere Stürme" zu geben. Die Antwort der Klimamodelle auf vermehrte Anwesenheit von strahlungsaktiven Gasen ist eindeutig im Hinblick auf eine Erwärmung der bodennahen Luftschichten und des Ozeans. Gleichzeitig implizieren diese Modelle keine signifkante Änderung in dem Charakteristiska der extra-tropischen Stürme (zum Problem der tropischen Stürme siehe Lighthill et al., 1994 oder Bengtsson et al., 1996). Auch die Beobachtungen der letzten hundert Jahre geben uns keinen Anlass, an eine nie gewesene Intensität oder Häufigkeit von Stürmen zu glauben. Tatsächlich nehmen haben die Stürme in den letzten Jahrzehnten zugenommen, aber im Vergleich zu den Verhältnissen zu Beginn diees Jahrhunderts kann von ungewöhnlichen Umständen kaum die Rede sein.

Es bleibt die Frage, wieso in Anbetracht der recht eindeutigen Sachlage die Vorstellung eines sich verschärfenden Sturmklimas als automatische Folge von anthropogenem Klimwandel in der Öffentlichkeit vorherrscht; wieso Wissenschaftler, die unsere "normalen" schweren Stürme nicht als Beweis der "Klimakatastrophe" akzeptieren, deshalb zu Skeptikern des Konzepts des anthropogenen Klimwandels schlechthin gestempelt werden. Diese Frage zu beantworten ist Aufgabe der Sozialwissenschaften - Klima ist nicht nur Gegenstand der Naturwissenschaften sondern auch der Sozial- und Kulturwissenschaften. "Alarmsignale aus dem Klima" haben nicht ausschliesslich mit Temperaturen, Winden, Überschwemmungen etc. zu tun sondern auch mit Ängsten, Werten und politischen überzeugungen (siehe auch von Storch und Stehr, 1996).





Literatur


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